08. April 2026
4 Minuten zu lesen

Plug & Play PV-Anlagen in der Schweiz: BFH-Studie zeigt enormes Potenzial und neue Regeln

Die Berner Fachhochschule (BFH) hat zusammen mit Electrosuisse, Meteotest und dem VSEK einen umfangreichen Forschungsbericht zu Plug & Play Photovoltaik-Anlagen veröffentlicht. Als jemand der seit Jahren eine eigene PV-Anlage betreibt und das Thema Solarenergie hier im Blog regelmässig aufgreift, finde ich die Ergebnisse enorm spannend. Denn Balkonkraftwerke und steckbare PV-Systeme werden auch in der Schweiz immer beliebter – und die Studie liefert erstmals harte Zahlen zum Potenzial und klare Aussagen zur Sicherheit.

Worum geht es?

In der Schweiz gilt seit 2014 die ESTI-Mitteilung, die Plug & Play PV-Systeme mit maximal 600 Watt AC an einer Haushaltssteckdose erlaubt. Während Deutschland die Grenze 2024 bereits auf 800 Watt angehoben hat, blieb in der Schweiz alles beim Alten. Die BFH hat nun untersucht, ob eine Erhöhung sinnvoll und sicher wäre – und ist dabei deutlich weiter gegangen als nur die 800-Watt-Frage.

Dürfen solche Anlagen bald Plug'n Play realisiert werden?
Dürfen solche Anlagen bald Plug’n Play realisiert werden?

Das Potenzial: Bis zu 3 TWh pro Jahr

Die Zahlen sind beeindruckend: Allein durch Balkonsolarsysteme könnte die Schweiz rund 1 TWh Strom pro Jahr produzieren. Nimmt man erweiterte steckbare Systeme auf Kleinstdächern dazu – die Studie schlägt einphasige Systeme bis 800W und dreiphasige bis 2400W vor – steigt das Potenzial auf rund 3 TWh pro Jahr. Zur Einordnung: Das entspricht theoretisch knapp 18% der laut Energieperspektiven 2050+ nötigen Importmenge von 5 TWh.

Besonders spannend finde ich den hohen Winterstromanteil. Balkonsolarsysteme sind typischerweise vertikal am Balkongeländer montiert und erreichen laut Studie einen durchschnittlichen Winterstromanteil von 37%. Das ist für vertikal montierte Module ein hervorragender Wert und hilft genau dort, wo Solarstrom am meisten gebraucht wird.

Sicherheit: Entwarnung auf breiter Front

Das war für mich einer der wichtigsten Teile der Studie. Die BFH hat 25 Mikrowechselrichter im Labor getestet und verschiedene Sicherheitsaspekte untersucht. Die Kernaussagen:

Beim Berührungsschutz schneiden die meisten Geräte gut ab. Mehr als die Hälfte der getesteten Wechselrichter zeigt nach dem Ausstecken ein gleichwertiges oder schnelleres Abklingen der Spannung als ein handelsübliches Laptop-Netzteil. Einige Geräte brauchen allerdings länger als die in der deutschen Vornorm geforderte eine Sekunde.

Das Balkonkraftwerk in Holzoptik passt perfekt zum Baustil des Hauses
Das Balkonkraftwerk in Holzoptik passt perfekt zum Baustil des Hauses

Die Überlastsimulationen für Schweizer Hausinstallationen zeigen, dass mit 800W AC-Systemleistung in den allermeisten Fällen keine Überlastung auftritt. Die Schweiz hat hier sogar einen Vorteil gegenüber anderen Ländern, weil hierzulande grundsätzlich bidirektionale Fehlerstromschutzschalter verbaut werden und die Leitungsquerschnitte generell grosszügig dimensioniert sind. Einzig bei sehr alten Installationen vor 1970 mit 1mm²-Leitungen und 6A-Sicherungen braucht es Sonderregelungen.

Wichtig: Das ESTI hat keine öffentlich bekannten Schäden oder Personenunfälle mit Plug & Play PV-Systemen registriert. Die bestehende Regelung hat sich also über zehn Jahre bewährt.

Neue Systemkategorien vorgeschlagen

Das Konsortium empfiehlt zwei neue Systemkategorien für die künftige Schweizer Guideline:

Die erste Kategorie SK1 umfasst einphasige Systeme mit maximal 2000W DC-Leistung und 800W AC-Ausgangsleistung. Das ist im Prinzip das klassische Balkonkraftwerk mit zwei bis drei Modulen, einfach mit etwas mehr Leistung als bisher erlaubt.

Die zweite Kategorie SK2 geht deutlich weiter: Dreiphasige Systeme mit bis zu 6000W DC und 2400W AC. Diese könnten über handelsübliche Drehstromsteckdosen (T15, T25 oder CEE16) angeschlossen werden. Das würde auch grössere steckbare Systeme auf Kleinstdächern, Gartenhäusern oder Carports ermöglichen.

Ebenfalls spannend: AC- und DC-gekoppelte Kleinspeichersysteme sollen in der neuen Guideline mitbetrachtet werden. Das ist relevant, weil Plug & Play Speicher wie etwa der Marstek Venus E 3.0 immer populärer werden und bisher normativ nicht klar eingeordnet sind.

Marstek Venus E 3.0 Setup mit 2 Speichern
Marstek Venus E 3.0 Setup mit 2 Speichern

Wie geht es weiter?

Die Studie liefert die Grundlage, aber noch ändert sich nichts an der aktuellen Regelung. Die ESTI-Mitteilung von 2014 mit der 600W-Grenze gilt weiterhin unverändert. Ab Frühling 2026 soll eine Arbeitsgruppe des Technischen Komitees 82 die neue Schweizer Guideline (SNG) erarbeiten. Wann diese in Kraft tritt, ist noch offen.

Der gewählte Weg über eine SNG statt einer formellen Norm hat Vorteile: Die Entwicklung geht schneller, die Schweizer Besonderheiten können besser abgebildet werden und es braucht keine europäische Konsensfindung. Per ESTI-Mitteilung soll die Guideline dann Rechtsverbindlichkeit erlangen.

Fazit

Die BFH-Studie räumt mit vielen Bedenken rund um Plug & Play PV-Systeme auf. Die Sicherheit ist bei den meisten Geräten gut, das Potenzial von bis zu 3 TWh pro Jahr für die Schweiz ist enorm und die vorgeschlagenen neuen Systemkategorien bis hin zu dreiphasigen 2400W-Systemen wären ein grosser Schritt vorwärts. Gerade für Mieter, die keinen Zugang zum Hausdach haben, könnten Balkonkraftwerke ein niederschwelliger Einstieg in die eigene Solarstromerzeugung sein.

Aus meiner Sicht bestätigt die Studie auch, was ich bei meinem eigenen Setup erlebe: Plug & Play Speicher wie der Marstek werden immer relevanter und sollten dringend ins Regelwerk aufgenommen werden. Ich bin gespannt, wie schnell die Arbeitsgruppe die neue Guideline vorantreibt. Den vollständigen Bericht gibt es hier als PDF bei der BFH.

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